Die Abschaffung der Wirklichkeit

Die Allgegenwärtigkeit der Meinungen gefährdet die Demokratie

 

„Da rauscht das Adrenalin“ Toni Innauer über Skispringen als virtuose Kunstform, mentales Mitfliegen, seine Definition von Mut und Angst – und sein neues Leben ohne Sprung über die Kante. (FAZ am Sontag, 1.1.2017)

„Ich war ein Straßenkämpfer“  Sternekoch Tim Raue über Fußball als Fluchthilfe vor seinem gewalttätigen Vater, Momente des Verlierens, und über Kampfsport, der ihn zu dem gemacht hat, was er heute ist. ( FAZ am Sonntag, 1.1.2017 zwei Seiten weiter)

„Nummer 1 der Charts zu sein, macht mich nicht mehr glücklich“ Will Smith hat als Hollywood-Star schon viel Geld verdient. Inzwischen aber gilt sein Ehrgeiz anderen Dingen, sagt er! Ein Gespräch über seinen persönlichen Mount Everest, die Flüchtigkeit des Seins, den Buddhismus, Liebeskummer, Ehe – und den Oscar. ( FAZ am Sonntag, 1.1.2017 drei Seiten vorher)

 

Überall das gleiche Bild, Home-Stories, Selfies, Personality-Stories in den Print- Medien. Oberflächliche Stories als Hautnah-Erlebnisse verkauft. Die seriösen Medien stehen der Regenbogenpresse mittlerweile in nichts nach.

Personality-Shows, Talkshows in den TV-Sendungen endlos. Glitzer- und Glamourgeschichten ohne Ende auf allen Kanälen. Explosiv, Exklusiv. Inklusiv all. Rundumversorgung.

Die sozialen Netzwerke implodieren. Explodieren. Exekutieren in Sekunden andere Meinungen.

Sie haben seinerzeit den türkischen Präsidenten Erdogan gewarnt bei dem bis heute nicht geklärten Umsturzversuch und ihn aus einem Hotel flüchten lassen. Der zukünftige Präsident der Vereinigten Staaten twittert gerne und viel.

14 Millionen Follower wähnt er sein Eigen. Und er ist stolz darauf. Aus seinem goldenen Bett im Trump Tower in New York verschickt er seine Meinungen in alle Welt. Umarmt Putin, verstört Chinesen,  bewegt die Börse. Alle springen auf und ab und wieder zu. Baut mauern und wieder ab. Oder erst gar nicht auf.

Facebook bestimmt heute das Leben von Milliarden von Menschen. Sie hängen wie Kokain am Handy tagaus tagein. Brauchen nur noch sich selbst und das imaginäre globale Dorf, das kein wirkliches Feedback kennt.

Sie sonnen sich alle am Selfie-Stick des Narzissmus. Die Ich-Gesellschaft hat längst alle Grenzen und sich selbst verloren. Hauptsache mein imaginäres Ich, meine Selbstverliebtheit kann ich senden in alle Welt.

 

Noch vor 15 Jahren verliefen Ereignisse bei den Medien so:

Ereignis/Unfall/Impuls/Geschehen:

Danach Recherche/Untersuchung/Analyse:

Danach Einordnung/Vergleich/Historie

Danach Reaktion/Ermittlung/Betroffene/Fachexperten

Danach Ableitungen/Forderungen/Staat/Behörden/Programme/Ergebnisse!

Nach einem Ereignis wurden alle Punkte gesammelt, die wichtig waren. Dazu wurden Experten befragt und verglichen auf dem Boden einer möglichst neutralen Berichterstattung und dann Ableitungen und Forderungen gestellt.

Das Ganze dauerte je nach Ereignis zwischen 2 und 5 Tagen. Seriöse Chefredakteure pochten immer auf Wahrheits- und Wirklichkeits-Gehalt.

Innerhalb von 18 Jahren hat sich der gesamte Informationsaufberereitungs-Kreislauf komplett verändert.

 

Google (Gründung 1998), Facebook (Veröffentlichung 2004), Twitter (Erscheinungsjahr 2006), das Smartphone (Einführung des iPhones 2007), WhatsApp (Erscheinungsjahr 2009), Snapchat (Erscheinungsjahr 2011), etc.

 

Vor 15 Jahren fußte das Ganze auf einer Wertestruktur, einem Wirklichkeitsgehalt, einem Wahrheitsgehalt, den es einzuhalten galt – heute gibt es keine Wirklichkeit mehr, die dies postuliert ,sondern heute gibt es nur noch Meinungen, die nach einem Ereignis wie mit einer Pumpgun  uns um die Ohren geschossen werden.

Über Facebook kann ein Mensch schnell 25 000 Follower zu einer Gartenparty animieren, die verwüstete Vorgärten hinterlassen, über WhatsApp  können Aufständische aufständischer gemacht, Menschen aufgestachelt oder zurückgedrängt, Diktatoren laufen gelassen, Massenhysterien ausgelöst werden.

Twittern tun besonders heute angehende US-Präsidenten, Stars & Sternchen und machen Meinungen so meinungsstark, dass Wahrheit & Wirklichkeit keine Rolle (mehr) spielen.

Dazu kommt der Druck am Arbeitsplatz, der Märkte, des Wettbewerbs und der absoluten Schnelligkeit von Infoflüssen im globalen Dorf.

Dann der soziale Stammtisch, die 364-Tage-Event-Gesellschaft, die täglich sendet und brüllt, bis dass es der letzte Dorfbewohner auf dem blauen Planeten mitkriegt. Modernes „Panem & Circenses“ auf allen Kanälen & menschlichen Nervensträngen.

Das Nervensystem wird zur zweiten Außenhaut. The Mediums is the Massage. Wusste schon Medienpapst Marshall McLuhan vor fast 50 Jahren.  Von Wirklichkeit und Wahrheit und deren Wertestrukturen keine Spur mehr:

Menschen halten das nicht mehr aus, werden depressiv, greifen zur Flasche oder lassen ihr Leben: Jedes Jahr bringen sich 10.000 Menschen um in diesem Land, davon werfen sich 3000 vor den Zug.

 

Und die Politiker?

Sie verwalten eine  Spezies von Werten und Wirklichkeiten, die längst gestorben sind. Um nicht die Wähler zu verlieren, appellieren sie an ihre Gefühle. Darunter leidet die Klarheit der Tatsachen. Tatsachen und Meinungen verschwimmen nebulös.

Der bekannte Blogger Sascha Lobo kommt zu dem viel beachteten Schluss: Die Wahrheit ist auch nur eine Meinung.

Wir alle jedoch in der sog. freien demokratischen Gesellschaft sind abhängig von der strikten Trennung von Wahrheit (Wirklichkeit) und Meinungen. Bestimmt doch ersteres unser Wertsystem und sichert so den eigentlichen (friedlichen) Zusammenhalt der weltlichen Gesellschaft.

Die sog. postfaktische Welt jedoch hebt diese Trennung auf. Die klugen Studenten der University of California, Berkeley spotteten bereits Anfang der 60er Jahre gegen ihre Professoren: “If your theory doesn‘t fit the facts, too bad for the facts.“

Die Wähler heute wählen also zwischen Meinungen und nicht zwischen Wirklichkeiten und Wahrheiten. Das ist einmalig in der Geschichte des Homo sapiens. Sie gehen von erdachten und gewünschten Wirklichkeiten aus, nicht aber von der realen Wirklichkeit an sich.

Sie verlassen sich letztlich auf eine volatile emotionale Gemengelage. Höchst gefährlich: Denn ob Herr Seehofer für die Geschlossenheit der Grenzen wirbt, Angela Merkel für ein „Wir schaffen das“ und die AfD für die emotionalen Kanonenkugeln sorgt, es sind und bleiben ausschließlich Meinungen, aber keine begründeten und tiefer angelegten Wirklichkeits-Normen.

Das postfaktische Denken zieht der Realität komplett den Boden unter den ohnehin schlüpfrigen Schuhen weg. Die Journalisten jedweder Couleur tun ihr übriges und befeuern die Meinungswelten lautstark tagaus tagein.

Laptops rebellieren, Netzwerke kollabieren, Smartphones beginnen zu brennen.

Menschen laufen Amok, wissen weder ein noch aus.

Politische Institutionen werden nicht mehr wahrgenommen, die Wirklichkeit lebt in Phantasien, wir haben es mit multikulturellen Meta-Ebenen zu tun, die sich nicht verstehen und auch nicht verstehen werden. Wie auch?

Alle sind in Not und sehen ihre Besitzstände bedroht. Die Welt resp. die uns nahe liegende Europäische Union benötigt dringend eine materielle wie geistige Werte- und soziale Erneuerung.

Sie muss sich lösen aus den Klammern  des postfaktischen politischen Denkens und der sie bestimmenden Kommunikation.

Doch wie soll das bloß geschehen?

Noch nie war die Wirklichkeit so komplex, so schwierig, so kompliziert in der globalen Verdichtung von Millionen von Impulsen und Meinungen, die uns täglich bestürmen, umgeben  und verletzten.

 

Alles war schon mal da. Sicher:

Aber die Gewalten aus Aktion und Reaktion in der verdichteten Welt bestehen aus Informationen, Meinungen, Nachrichten, Bewertungen, Einschätzungen, Erlebnissen,  Risiken, Gefahren, Kontroversen, Konflikten, die alles vermitteln – bloß keine Kontinuität an Werten, Wirklichkeiten und Wissens-Normen.

Die Regierenden sind komplett „out of order“ und wirken wie Rufer einer verdurstenden Welt. Die de Maizières, Gabriels und Steinmeiers wirken dabei wie ausgestopfte Marionetten aus dem letzten Jahrhundert.

Die Neujahrsansprache der Kanzlerin mutete an, als wenn sie als fleißiger Alien auf dem Mars leben und senden würde.

Jeden Tag schlagen wir uns mit einem Tsunami an Meinungen herum, ohne jedoch wirklich wirklich zu sein. Jugendliche, Kinder leiden besonders darunter, ohne wirkliche Werte und Führung durch ihr beginnendes Leben zu gehen.

Hatte die Kölner Polizei zum Jahreswechsel 2016 auf der Domplatte völlig versagt und wurde zu Recht gescholten ob ihrer Fahrlässigkeit und Anamnese der Situation der nordafrikanischen jungen Männer, wurde in 2017 nunmehr alles erneuert und  anders gemacht. Die Polizei hatte dabei unter Polizei- Chef Jürgen Mathies die Situation immer im Griff.

Als bekannt wurde, dass die Polizei als Kurzcode nun die Massen als „Nafris“ bezeichnete, eskalierte die elementare „grüne“ politische Meinung erneut. Nun  hätten angeblich Polizisten eine „racial discrimination“-Situation heraufbeschworen.

Die Vorsitzende der Grünen, Simone  Peter, bezeichnete das Vorgehen der Polizei als „unerträglich und unangemessen und nicht verhältnismäßig“.

Hätten wir in diesem Land wirkliche Wirklichkeits- und Werte-Nomenklaturen, wäre dies nie aufgekommen.

Die Welt hebt sich aus den Angeln, der Meinungsschwarm bestimmt tagtäglich das Verhalten aller. Eine wirkliche Wertekultur, eine ethische Grundstruktur, die uns die Väter als ein humanistisches Grund-Manifest mitgegeben und vorgelebt haben,  ist leider abhandengekommen.

Das ist, wie es ist. Aber es ist deshalb hoch gefährlich, weil eine demokratische Grundstruktur nur dann Bestand hat, wenn man freiwillig ein Wertekonzept  anerkennt, das für das Gemeinwohl der Menschen unerlässlich ist.

Die Freiheit ist eine Errungenschaft aus der Entwicklungskette der Demokratie. Die steht nicht nur auf dem Prüfstand, sie ist massiv in Gefahr durch die ungestüme Nutzung der täglichen Kalaschnikows der Meinungen.

Ein nachprüfbares Regelwerk aus Ereignis-Impuls-Recherche-Einordnung-Reaktion-Ermittlung-Forderung-Appell und Ergebnis, also sauberes Worthandwerk ist nicht mehr gefragt: Ein verbindlicher Handlungs-Codex moralisch-ethisch-organisch zerfallen.

Wer handelt wirklich noch so, dass seine Handlungen auf die Allgemeinheit übertragen werden können? Und wenn ja:

Was geben wir davon wirklich unseren Kindern mit? Mit wem tauschen wir uns aus, um etwas zu bewahren, was wir uns in den letzten 60 Jahren hart erkämpft haben: Das demokratische Verständnis. Nur mit Demut, also mit „freiwilliger Selbstverpflichtung“, können wir die Folgen sprich: Freiheit verteidigen.

Heute wurde die Vorsitzende der Grünen,  Simone Peter, von BILD  zerrissen und als „Dumm, dümmer, GRÜFRI“ bezeichnet, als „grün-fundamentalistischrealitätsfremde Intensivschwätzerin“.

 

Na denn. Die Meinungs-Melange hat die Wirklichkeit verdrängt und die Wertestruktur zerstört.

Ist es 5 vor oder 5 nach 12?

Entscheiden Sie selbst.

5 Kommentare
  1. Hansi Lüssem
    Hansi Lüssem says:

    Mein lieber Freund Chris
    Großes großes Kompliment zu deiner Wahrnehmung und Wiedergabe der echten klaren Fakten du hast mit jeder Zeile so Recht und den Nagel auf den
    Kopf getroffen, ich möchte nicht weiter darauf eingehen um mir nicht den Abend
    zu verderben, ich stehe 100% neben dir wie schon vor 2 Jahren gesagt noch
    Max 2-3 Jahre. Mit für Dich Dein Freund Hansi

    Antworten

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