Zwischen Selbstwertgefühl, Selbstüberschätzung und dem Zufall des Lebens!

Deutschland wurde nicht wegen, sondern trotz Jogi Löw Weltmeister. Eine kritische Einordnung!

Ja, Deutschland ist Weltmeister geworden.
Ja, Deutschland hat den Fans endlich den ersehnten Titel gebracht.
Ja, Deutschland hat in aller Welt an Ansehen gewonnen und selbst in England so etwas wie Bewunderung ausgelöst.

Aber welche Rolle hat der Bundestrainer Jogi Löw eigentlich dabei gespielt?

Ein Rückblick:

Als vor 10 Jahren der designierte neue Bundestrainer Christoph Daum sein Amt antreten sollte, kam dem deutschen Fußball ein Super-GAU dazwischen. Nach Jahren des Rumpelfußballs galt Daum als Vater der Konzepttrainer, die einzig mögliche Variante für einen Neuanfang zu sein.

Alle hatten Angst für ihn „einzuspringen“.

Berti Vogts schlug dann den vermeintlichen „Hasenfuß“ und Amerikaner Klinsmann vor. Nur aus einer Notsituation wurde es dann Klinsi. Man hatte keinen anderen. Und der holte sich einen frischen Verlierer als Co-Trainer, den keiner kannte. Jogi Löw, gerade bei der Austria in Wien wegen Erfolglosigkeit gefeuert.

Drei Unfälle machten also den Weg für die Reißbrett-Arithmetik des Jürgen Klinsmann frei.

Er nutzte den Schockzustand der „Leblosen“ DFB Garde der über 80-Jährigen.

Er winkte sein neues, strategisches Trainingskonzept zweier amerikanischer Management Gurus durch, was ohne diese Vorgeschichte niemals möglich gewesen wäre.

Entstanden in den US Laboren neuer „Beweglichkeit“!

Nach dem „Sommermärchen 2006“ zog es Klinsi wieder in die Staaten und der „zweite Mann“ Jogi Löw übernahm.

Er verkörperte wie kein anderer die Solidität, das Rechtschaffende und das effizient Biedere, wie die „Times“ jetzt bewunderungsvoll titelte.

Die Ära 2006 und die jungen Wilden der U`s (U 19, 20, 21) mit Horst Hrubesch hatten endlich ein Spielerpotential hervorgebracht, was ein langfristiges Konzept erahnen ließ. Die Hälfte der U 21 Europameister standen in der WM- Elf 2014.

Niemals zuvor konnte ein Bundestrainer derart aus dem „spielerisch“ Vollen schöpfen wie in dieser Zeit.

Dazu kamen die Erfolge der Bayern- und Dortmund-Blöcke, die sich bewundernswert in den letzten Jahren die Champions League-Ambitionen um „die Ohren gehauen hatten“.

Dazu kamen die neuen Konzepttrainer der Bundesliga, die wie „spielerische Pilze“ aus dem Bundesligaboden wuchsen. Die Klopps, die Tuchels, die Gisdols und der Vater aller Väter höchst selbst: Señor Guardiola, mischen jetzt die Liga auf.

Dazu die schnelle Entwicklung des Vorlagengebers und Standard-Anführers Toni Kroos durch seinen Vater & Förderer Jupp Heynckes (vor allem bei Bayer Leverkusen) und der Einsatz des Fußball-Alien Thomas Müller durch Louis van Gaal.

Dann drohte die WM 2010 in Südafrika. Wie durch „ein Wunder“ musste Jogi Löw wieder keine Entscheidung über das Mittelfeld fällen, denn: Michael Ballack erlitt einen Unfall und Sami Khedira und Schweinsteiger machten die DOPPEL 6 erfolgreich. Die Ära Ballack war ohne Zutun beendet. Und ein Stern ging auf:

Der kleine Philipp Lahm avancierte zum Spieler-Trainer und vielleicht besten Verteidiger seiner Zeit.

Ja, Spielertrainer: Er ist in seiner Spielkompetenz und Lesefähigkeit des Spiels nach vorne und hinten ein Phänomen. Er ist kommunikativ in der Lage die Mannschaft ohne großes Tamtam zu führen, er kann mit Profis wirklich „delegativ“ umgehen. Er glänzt nicht durch Schreierei sondern durch Vorbildfunktion, bedingungslosen Einsatz und Leidenschaft für das „unsichtbare Spiel“. Das heißt auch für die Lauf- und Denkwege, die nur wenige „Makro-Spieler“ erahnen und ausführen können.

Was war die Leistung des „zweiten Mannes Jogi Löw“?

Dann kamen die vielen Verletzungen (Unfälle) einiger Stammspieler vor der WM, die wiederum Jogi Löw in die Karten spielten.

Die extrem energetische Saison mit dem Spiel auf drei Hochzeiten hinterließ verletzte Spieler wie Khedira, Schweinsteiger, Gündogan und Reus…..

Löw nahm Khedira und Schweinsteiger mit, die ausgeruht und sich pflegend gerade zur WM-Mitte fit wurden.

Löw nahm einen Herrn Mustafi mit, den keiner kannte.

Wieder half ihm ein Unfall dazu, endlich seine alte Formation zu spielen. Er hielt stur am 4-3-3 System fest, bis sich Mustafi selbst verletzte und Libero.

In einer Form des „Inszenierten (fast) Selbstmords“.

Nur durch den öffentlichen Druck der Fans und der Medien kehrte Löw zu seiner Formation 2010 zurück.

Wieder durch zwei schwere Unfälle und dem enormen psychischen Druck einer ausweglosen brasilianischen Gesellschaft sicherte er dem deutschen Team einen hohen Erfolg gegen Brasilien: Das war nicht die große Wertleistung der deutschen Mannschaft, sondern die nicht zu verkraftenden Ausfälle von Silva und Neymar, sowie der Druck der Öffentlichkeit auf die jungen brasilianischen Himmelstürmer.

Die Auslosung der Gruppenspiele und die Eliminierung der süd- und mittelamerikanischen Mannschaften im Quervergleich sicherten zudem das Weiterkommen der deutschen Mannschaft.

Eigentlich sollte gegen Algerien mit einer komplett „deplatzierten“ Systemaufstellung Schluss sein.

Neuer verhinderte als Libero das vorzeitige Ausscheiden.

Als die 2010-Aufstellung erzwungen wurde, griffen die Ausgeruhtheit Khediras und Schweinis, die jetzt, mit Geschick und Erfahrung, Kärrnerarbeit leisteten.

Ihnen kam zupass, dass nunmehr auch „langsame“ Spiele (Frankreich und Argentinien) und Standards sprichwörtlich neu erfunden wurden.

Kroos sei Dank.

Damit war das spielerische Spiel (noch immer unerreichte Spanier) längst begraben und die Heros von 2010 längst zu Hause (siehe auch „Die konsequente Folge der SATT-HEIT“).

Und wieder half ein Unfall. Sami Khedira verletzte sich vor dem Endspiel beim Aufwärmen.

Das setzte auf einmal bei den Lahms, Kroos`, Müllers und vor allem Schweinsteigers ungeahnte letzte Willensstärke frei.

Der „Krieger“ Schweinsteiger, der „Leuchtturm“ Neuer und der „Stratege“ Lahm schworen die Mannschaft ein mit dem Festen Willen: Jetzt erst recht!

Unbedingter Wille, lange Champions League-Erfahrung und ein Geniestreich des jungen Götze sorgten für die Entscheidung in der Verlängerung.

Was war die Rolle von Jogi Löw?

Da kam ein zweiter Mann daher, der Jürgen Klinsmann als Partner über Spiel und Taktik zuflüsterte. Als ich Jogi Löw 2005 kennenlernte war er ein fast scheuer, sehr angenehmer und zurückhaltender Gesprächspartner. Er hatte gerade die große Gastfreundschaft der iranischen Nationalmannschaft gespürt vor 120 000 Zuschauern, an die sich besonders auch Per Mertesacker noch gern erinnert.

Jogi Löw hat sich fortan im Schneckentempo bewegt. Er hat ein herausragendes Spielermaterial „verwaltet“.

Jogi Löw hat immer auf eine Mannschaft gesetzt: Egal in welcher Verfassung die Spieler waren: Er hat sie immer aufgestellt und genommen. Das ist grundsätzlich nicht schlecht, aber neue Spieler oder eben ihm nicht gemäße hat er nicht genommen, sie mit Nicht-Erwähnung gestraft oder hat mit Ihnen nicht den „verdienten“ Dialog geführt, um Ihnen zu erklären, warum Sie eben nicht in die Mannschaft passen oder eben doch.

Immer haben Andere die Entscheidungen gefällt oder es haben sich Situationen durch Unfälle ergeben, die eben so waren.

Die Kommunkations- (Un)fälle Ballack, Frings, Kießling und vor allem Schmelzer sind bis heute nicht gelöst und die Personalie Schmelzer gehört in ein dunkles Kapitel der Löw`schen Auswahlkriterien.

Da lässt man den verdienten Schmelzer daheim und nimmt einen Herrn Mustafi mit, den keiner kennt und auch nicht mehr anspielt im Algerienspiel, bis dieser verletzt ausscheidet.

Zwei Jahre vorher hatte Löw Schmelzer öffentlich über die Medien abgewatscht und sich dann entschuldigen müssen.

Jahrelang hat man Jogi Löw die herausragenden Leistungen von Roman Weidenfeller „hinterhergeworfen“ bis er ihn dann erbarmend doch mitnahm. Weidenfeller hat sich als Ersatzmann in Brasilien „perfekt“ verhalten.

Jahrelang konnte er mit dem „unbequemen“ Mats Hummels keine Kommunikation aufbauen.

Dieser Spieler hat mit seinem sehr guten Stellungsspiel gegen Frankreich die deutsche Mannschaft vor Rückständen gegen Benzema bewahrt.

Jogi Löw hat sich im Laufe der Jahre nach dem Confed Cup (rück-)entwickelt. Oder eben gar nicht.

Er hat nicht gelernt, mit den unterschiedlichen Charakteren der deutschen Mannschaft klarzukommen, er kann einfach nicht kritische aber wichtige Diskussionen führen, er flüchtet sich in belanglose Allgemeinsätze in TV Interviews (wie nach dem Brasilienspiel im ZDF).

Dazu passt die Aussage des DFB Präsidenten Niersbach trefflich: „Ich gehe davon aus, dass der Bundestrainer Löw auch noch am 3. September im Rückspiel gegen Argentinien Bundestrainer ist“.

Löw schmollt, Löw ist beleidigt, Löw will sich bitten lassen, Löw ist limitiert in seiner Empathie, Löw ist kein Souverän. Löw ficht einen einsamen Kampf gegen die Öffentlichkeit, die Medien und die Fans.

Den kann nur einer verlieren. ER selbst und mit sich selbst.

Was ist die Rolle von Jogi Löw?

Er hat es geschafft, mit dieser Gruppe von sehr gut ausgebildeten Fußballern einen Teamgeist einzuüben, der über allem steht. Er hat es geschafft, im Umkehrschluss, dass ein Per Mertesacker vor dem Brasilienspiel sagt:

„Der Platz auf der Ersatzbank eröffnet mir eine völlig neue Sichtweise, die ich gut finde.“

Er hat es geschafft, dass im Prinzip 23 Spieler jedes Mal auf dem Platz standen. Die 6er-WG hat sicherlich dazu in erhöhtem Maße beigetragen. Und ein Turnierverlauf, der niemals wahrscheinlich so wieder kommen wird. Wenn von einem hervorragenden Teamgeist die Rede ist, den diese Mannschaft mittlerweile ausstrahlt und auch im Stande ist zu spielen und zu leben, muss man in diesem Team sicherlich folgende Protagonisten nennen:

1. Die kontinuierliche Aufbauarbeit der Jugendmannschaften im DFB: Berti Vogts und Matthias Sammer waren ihre Väter.

Es macht Freude, die B und A Jugendmannschaften heute vom 1. FC Köln bis zum VFB Stuttgart spielen zu sehen. Bravo!

2. Die gewachsenen U21 – Europameister um Manuel Neuer und Sami Khedira u.a. die jetzt die Erfahrung haben, auch kritische Situationen final zu lösen und eben nicht mehr im Halbfinale auszuscheiden.

3. Die Arbeit der guten und jungen deutschen Konzepttrainer in der Bundesliga, die in erhöhtem Maße an dem WM Erfolg beteiligt sind. Sie liefern ja das entwickelte „Human Ressources Kapital“ an den DFB.

4. Die Leistungsfähigkeit von Jupp Heynckes, der Bayern München mit seiner Erfahrung und dem Zutrauen an seine Spieler den Sprung über die „Mittellinie des Denken und Handels gab“. Besonders sein Schüler Kroos ist hier ein Beispiel.

5. Und die Lichtgestalt Pep Guardiola, der den Bayern – Block kongenial weiterentwickelte.

6. Und natürlich Jürgen Klinsmann, der in einer Notsituation aus „Kokain & Ausweglosigkeit“ der deutschen Mannschaft ungestraft ein neues Konzept geben durfte. Daher leuchtete das Empire State Building in New York am Abend des Sieges schwarz-rot-gold.

Sie alle sind Weltmeister mit dieser Mannschaft geworden. Als Team mit deutscher Disziplin, Willen, Einsatz und einer professionellen Einstellung einer Mannschaft, die ihresgleichen sucht.

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